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Filmreihe: Globalisierung und Arbeit

Navigators

England, Spanien, Deutschland 2002, 90 min, OmU
Regie: Ken Loach

Gemäss einer Produktionsmitteilung ist der neue Film von Ken Loach einem Misstritt zu verdanken: 1996 fiel der Gewerkschafter Rob Dawber in den Ferien eine Sanddüne hinunter, zerrtesich eine Sehne, wurde krankgeschrieben und beschloss, die Zeit mit der Niederschrift seiner Erfahrungen zu nützen. Dawber hatte achtzehn Jahre bei British Rail in der Abteilung für Signale und Telekommunikation in Sheffield gearbeitet und die Privatisierung der britischen Eisenbahnen im Verlauf der neunziger Jahre als Stolperschritte des Managements miterlebt. Rob Dawber wird im fertigen Film als Drehbuchautor aufgeführt.

"The Navigators" weckt Erinnerungen an "Riff-Raff" (1991). Was sich damals auf einer Londoner Baustelle abspielte, findet auf dem Schotter der Bahngeleise von Yorkshire seine Entsprechung: Mit seiner Stammequipe, derselben Dramaturgie und ähnlich ironischem Biss befasst sich Ken Loach mit dem neoliberalen Umbau des ehemaligen britischen Staatsbetriebes, der Aufteilung in einzelne Privatunternehmen und den daraus resultierenden Folgen für eine Gruppe befreundeter Schienenarbeiter, deren Berufs- und Privatleben im wörtlichen Sinne aus dem Geleise gerät. Die angeblich goldenen Seiten des Wettbewerbs verlieren zunehmend an Glanz; die Kollegen stehen schliesslich vor der Entscheidung, über kurz oder lang ihren Job zu verlierenoder zu weit schlechteren Bedingungen für Konkurrenzunternehmen tätig zu sein.

"Riff-Raff" markierte durch seinen Komödiencharakter einen Wendepunkt im Filmschaffen des 1936 geborenen Engländers. In "The Navigators" thematisiert Loach Formen der Ausbeutung und Entwürdigung, aber er stilisiert die Ausgebeuteten nicht zu Helden, auch nicht zu solchen der Arbeit, er zeigt sie vielmehr mit all ihren Schwächen, ihrer Derbheit, aber auch ihrem Lebensmut und ihren Spässen. "The Navigators" ist ein höchst politischer Film, der vom Niedergang der Arbeitsbedingungen erzählt, seinem Publikum jedoch dieLust auf das Lachen und das Leben nicht verleiden will. Die Filmarbeit Loachs schöpft aus der britischen Tradition des Realismus, aus dem Dokumentarfilmschaffen und der Free-Cinema- Bewegung: ein Kino der Wirklichkeitsnähe und der Nähe zu den Menschen in zeitgenössischer Form, ein Kino, das soziale Probleme beleuchtet und Konflikte nicht unterschlägt, das den Blick auf die Benachteiligten und die reichlich vorhandenen Schattenseiten der Gesellschaft richtet, dabei aber nicht einer Sozialromantik verfällt, sondern den Menschen den Rücken stärkt und eineArt von stoischem Mut und Ausharrungsvermögen beweist.Loach versucht in jedem Film mit aller Sorgfalt vom sozialen und politischen Kontext der Menschen zu erzählen und ihre psychologische Entwicklung zu beschreiben. Bei all dem Einsatz für sozial Benachteiligte geht sein Engagement nur schon durch seinen Stilwillen über das bloss Sozialkritische hinaus. Sein offener dokumentarischer Blick und sein dramaturgisches Kalkül, sein Realitätssinn und sein Kunstverstand schärfen sich wechselseitig. So berühren seine Menschen gleichsam als Traumwandler im Überlebenskampf.


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