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Sobibor, 14.Oktober 1943, 16 Uhr

Frankreich 2001, 95 min, OmU
Regie: Claude Lanzmann

Ausgehend von einem Gespräch, das mir Yehuda Lerner 1979 gewährt hatte, als ich Shoah drehte, entstand der Film SOBIBOR, 14 OCTOBRE 1943, 16 HEURES - Ort, Tag, Monat, Jahr, Stunde des einzigen jemals gelungenen Aufstands in einem Vernichtungslager der Nationalsozialisten. In der Landschaft und an den Orten von heute, die immer noch dieselben wie damals sind, hat David, der nicht Gewalttätige, den ersten tödlichen Schlag geführt; er ist der Herold eines mythologischen Films und Meister einer sich steigernden Spannung bis zum letzten Bild, bis zu dem Augenblick, in dem die menschliche Ordnung wieder in Kraft tritt und wieder Freiheit herrscht. Claude Lanzmann

Der Regisseur über seinen Film

Sobibor ist in Shoah von entscheidender Bedeutung. Der Aufstand in dem Vernichtungslager wird im Film schon sehr bald von dem Polen Jan Piwonski erwähnt, der zu dieser Zeit Hilfs-Weichensteller am Bahnhof war. Piwonski war Zeuge der Errichtung des Lagers und der Ankunft des ersten Transports, der für die Gaskammern bestimmt war.

Aber anders als im Falle von Treblinka, Chelmno und Auschwitz-Birkenau gab es keine Aussage eines jüdischen Protagonisten über Sobibor.

Immerhin hatte ich lange mit Ada Lichtman und ihrem Mann gedreht, die dank des Aufstands fliehen konnten, und vor allem mit Yehuda Lerner, dem emblematischen Helden des Aufstands, einer erstaunlichen Figur, einem Menschen, wie man sehen wird, von unendlichem und unbezähmbaren Mut.

Der Aufstand von Sobibor konnte nicht nur eine Episode von Shoah sein. Er verdiente einen eigenen Film, verlangte, für sich allein behandelt zu werden. Der Aufstand ist tatsächlich ein paradigmatisches Beispiel für das, was ich in anderem Zusammenhang die Wiederaneignung von Kraft und Gewalt durch die Juden genannt habe. Die Shoah war nicht nur ein Massaker an Unschuldigen, sondern eben auch ein Massaker an Menschen ohne Verteidigung, die man während aller Etappen des Vernichtungsprozesses getäuscht hatte, bis an die Türen der Hinrichtungskammern. Es gilt eine zweifache Legende richtig zu stellen: die erste, die besagt, die Juden hätten sich ohne Vorahnung und ohne Misstrauen in die Gaskammern führen lassen, ihr Tod wäre 'sanft' gewesen, und die zweite, der zufolge sie ihren Henkern keinen Widerstand entgegengesetzt hätten. Abgesehen von den großen Aufständen wie dem im Warschauer Ghetto gab es auch in den Lagern und Ghettos zahlreiche Akte der Tapferkeit und der individuellen oder kollektiven Freiheit: Beschimpfungen, Verwünschungen, Selbstmorde, verzweifelte Angriffe. Es stimmt, dass eine tausendjährige Tradition des Exils und der Verfolgung die Mehrzahl der Juden auf die tatsächliche Ausübung von Gewalt nicht vorbereitet hatte, denn diese erfordert zwei untrennbare Voraussetzungen: eine psychologische Disposition und technisches Wissen, eine Vertrautheit im Umgang mit Waffen. Es war ein jüdischer Sowjetoffizier, Alexander Petscherski, ein Berufssoldat, der also mit Waffen vertraut war, der den Aufstand in einer Zeit von nicht einmal sechs Wochen plante, vorbereitete und organisierte. Petscherski, der Anfang September zusammen mit anderen Juden, ebenfalls Soldaten der Roten Armee, nach Sobibor deportiert wurde, hatte das Glück, nicht sofort in die Gaskammern geschickt zu werden wie seine übrigen Kameraden. Aus einer Menge von tausendzweihundert Personen, die diese Gruppe bildeten, selektierten die Deutschen ungefähr sechzig Männer, die sie für Schwerarbeit und Instandhaltungsmaßnahmen dringend brauchten. Sie sollten etwas später sterben, so wie die Schuster, Schneider, Goldsch miede, Wäscherinnen u nd auch einige Kinder, die seit Wochen oder Monaten in dem Teil des Lagers lebten, der 'Lager Nr.1' hieß (das 'Lager Nr. 2', wo sich die Gaskammern befanden, war das eigentliche Todeslager, es grenzte an das erste). Alle diese Arbeitskräfte, Sklavenarbeiter, die allein für die Nazis arbeiteten, wurden nach und nach liquidiert.

Alexander Petscherski ist nicht mehr unter uns. Andere Teilnehmer des Aufstandes leben noch verstreut an verschiedenen Orten der Welt.

Yehuda Lerner spricht hier für ihn und für die anderen, die Lebenden und die Toten.

Um diesen Film zu realisieren, wollte ich den Spuren Yehuda Lerners folgen. Ich bin also wieder nach Polen gefahren, nach Weißrussland, sogar nach Sobibor, wo ich seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr gewesen war. Ich konnte sehen, wie viel Zeit vergangen war: Der Bahnhof ist noch heruntergekommener als früher. Ein einziger Zug fährt täglich zwischen Chelm und Wlodawa hin und her. Die Rampe, auf der mehr als zweihundertfünfzigtausend Juden entladen wurden, damals nur ein grasbewachsener Bahndamm, ist jetzt auf primitive Weise zementiert, um das Einladen von Holzstämmen zu ermöglichen. Immerhin hat die polnische Regierung vor fünf Jahren beschlossen, ein rührendes kleines Museum mit einem roten Dach zu errichten. Auch die Synagoge von Wlodawa, deren Hof noch 1978 als Parkplatz für Lastwagen benutzt wurde, ist heute ein Museum, umgeben von einem hübschen Park mit zartem Rasen.

Aber Museen und Gedenkstätten dienen dem Vergessen ebenso wie der Erinnerung. Hören wir die lebendige Stimme von Yehuda Lerner.


Claude Lanzmann wurde am 27. November 1925 in Paris geboren. Er ist Medaillenträger der Resistance, Kommandeur des Ordre National du Merite, Ehrendoktor der Philosophie der Hebräischen Universität Jerusalem. Seit 1952 und seit seiner Begegnung mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir ist er ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift 'Les Temps Modernes', deren Direktor er heute ist.
Sein Film Shoah wird seit seiner Uraufführung 1985 als ein grundlegendes Werk und als großes kinematographisches Ereignis betrachtet. Er erhielt die höchsten Auszeichnungen und Preise auf zahlreichen Festivals.


Eine Allee für die Ermordeten von Sobibor

Im Rahmen der Filmvorführung wird unter dem Titel "Eine Allee für die Opfer von Sobibor" eine Spendenaktion durchgeführt. 250.000 Menschen wurden in Sobibor ermordet. Ihre Asche liegt in Massengräbern verstreut auf dem Gelände. Zum 60. Jahrestag des Häftlingsaufstandes will die Gedenkstätte Sobibor den anonymen Opfern mit einer Baumpflanzaktion ihre Namen zurückgeben. Das Vorhaben soll dazu beitragen, auf dem Gelände der Gedenkstätte Spuren der Menschen, die in Sobibor ermordet wurden, sichtbar zu machen. Der Weg, den die Menschen von der Bahnrampe zu den Gaskammern nehmen mußten, soll gekennzeichnet werden. Aus Oldenburg wurden mindestens elf Jüdinnen und Juden nach Sobibor deportiert. Noch befindet sich an diesem historischen Ort unwegsames Gelände, Dickicht, das sich im nahen Wald verliert. Erst mit den vor kurzem beendeten archäologischen Grabungen auf dem ehemaligen Lagergelände ist dieser Weg rekonstruierbar. Da der Gedenkstätte nur bescheidene finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, wollen wir sie bei der Neu- und Umgestaltung des ehemaligen Lagergeländes unterstützen. In einem gemeinsamen Projekt wird der Wald in den nächsten Monaten gerodet und ein Weg angelegt. Dieser Weg soll von neu zu pflanzenden Bäumen gesäumt werden. In der Allee soll jeder Baum den Namen einer oder eines Ermordeten tragen, sowie Heimatort und Beruf angegeben werden. Darüber hinaus soll ein Gedenkbuch entstehen, das im Museum Sobibor einsehbar sein und weitere Informationen zur Lebensgeschichte der Ermordeten enthalten soll. Mit einer Spende von 250 Euro kann die Pflanzung eines Baumes, die Errichtung eines Gedenksteines mit Gravur sowie - anteilig - die Anlage und Pflege der Gedächtnisallee für die Opfer von Sobibor finanziert werden.


Gezeigt von der Initiative "Ausgegrenzte Geschichte - Geschichte der Ausgegrenzten" und dem Medienbüro Oldenburg

Eintritt 2 Euro


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