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Neues Asiatisches Kino / Frankreich
Nobody knowsJapan 2004, 117 min, OmU Dass Kinder auch in fortschrittlichen, zwischen ökonomischen Zwängen und Selbstverwirklichungsstreben hin- und hergerissenen Gesellschaften oft einen schlechten Stand haben, ist nicht zu bestreiten. Selbst in Europa leben immer mehr Mädchen und Jungen unterhalb der Armutsgrenze oder werden Opfer von Eltern, die aus Interesselosigkeit und/oder Egoismus die fundamentalsten Bedürfnisse ihrer Kinder missachten. Ein besonders eklatanter Fall aus Japan, einem Land, in dem die Wirtschaftskrise und die Zerrissenheit der Menschen zwischen Individualität und Anpassung besonders bizarre Blüten treibt, stand am Beginn von „Nobody Knows“. Eine Mutter hatte ihre vier Kinder in einem Tokioter Appartement sich selbst überlassen, ohne dass die Nachbarn während vieler Monate darauf aufmerksam geworden wären. Zur Schule gingen die Geschwister nie. Erst der Tod eines Kindes brachte die Vorgänge ans Tageslicht. Nobody Knows ist freilich kein sozialkritischer Diskurs über die mentale und moralische Situation eines Landes; dafür nimmt der 1962 geborene Regisseur Hirokazu Kore-eda seine Figuren zu ernst, als dass er sie irgendwelchen Anklagen oder Aussagen unterordnen oder ausliefern würde. Vielmehr zeichnet den Film eine unspektakuläre Ernsthaftigkeit und genaue Beobachtungen aus, ganz ähnlich wie frühere Filme von Kore-eda, besonders Maboroshi – Das Licht der Illusion , in denen eine Ruhe und Menschlichkeit zu spüren sind, die zu Vergleichen mit dem großen Meister des japanischen Kinos, Yasujirô Ozu, geführt haben. Nobody Knows wird aus der Perspektive des zwölfjährigen Akira erzählt, dem ältesten von vier Geschwistern, die offenbar alle einen anderen Vater haben. Gespielt – im besten Sinne des Wortes: verkörpert – wird Akira von Yuya Yagira, der in Cannes 2004 mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet wurde. Seinen Schwestern Kyoko und Yuki sowie dem kleinen Bruder Shigeru gegenüber verhält sich Akira in seiner Ernsthaftigkeit wie der verlängerte Arm der jungen Mutter. In manchen Szenen zu Beginn erscheint er sogar um einiges reifer als die seltsam kichernd-kindische Frau, die sich anschickt, eine neue Beziehung mit einem unbekannt bleibenden Mann einzugehen. Immer größer werden die Phasen ihrer Abwesenheit, bis ihre Kinder, mit einem erbärmlichen Haushaltsgeld ausgestattet, schließlich ganz auf sich gestellt sind. Die Nachbarn kennen außer Akira keines der Kinder, denn diese wurden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion unauffällig in die kleine Wohnung geschleust. Mit dem Gestus und der Überzeugungskraft eines Dokumentaristen blickt Kore-eda auf den Überlebenskampf der Kinder in ihrem übersichtlichen Alltag. Immer wieder unterbrechen wie mit einer Lupe beobachtete Szenen oder Großaufnahmen kleiner Details den chronologischen Fluss, wobei das Zeitgefühl grundsätzlich vage bleibt.
Die behutsame Distanz, die Kore-Eda zu seinen kindlichen Helden bei aller Zuneigung aufrecht erhält, bewahrt den Film davor, larmoyant zu werden. Wie in einem modernen Märchen, in dem der böse Wolf einer noch bedrohlicheren Kraft, nämlich einer beunruhigenden Einsamkeit und abgründigen Vergessenheit Platz gemacht hat, wo der Wald durch ein anonymes Wohnviertel ersetzt wurde, verfolgt man ungläubig das Schicksal der vier Geschwister. Wo andere in der Schule mit abstrakten Aufgaben das Rechnen erlernen, wird es für Akira mit ganz konkreten Problemen zu einer Überlebensfrage. Natürlich kann er bei aller Hingabe den schleichenden Niedergang der geschwisterlichen Gemeinschaft nicht aufhalten. Die kindliche Unbekümmertheit, das Aufgehen im Hier und Jetzt, in einem gleichförmigen Strom der Zeit, dem sich besonders die jüngeren Geschwister ohne Gegenwehr ausliefern, führen unweigerlich zur stetigen Verschlechterung der Bedingungen in der Wohnung. Nach vielen ebenso subtilen wie beklemmenden Beobachtungen und einem tragischen Zwischenfall entlässt der Film drei der Kinder in eine ungewisse Zukunft. Einzig in einem ebenfalls einsam scheinenden Schulmädchen aus der Nachbarschaft könnte sich zaghaft eine Brücke zur Außenwelt auftun. Kore-Eda geht es um die Langlebigkeit der Hoffnung. In dieser Form hat man sie noch nie erfahren.Frankfurter Rundschau InNobody Knows zeigt der Japaner KORE-EDA Hirokazu einmal mehr, welchen Reichtum und welche Tiefe Kino zu entfalten vermag. Statt sich mit […] jenen Fragen zu beschäftigen, die Sensationsreporter umtreiben, schlägt sich der Film ganz auf die Seite der Kinder Rheinischer Merkur Wie auch Antonioni, Ozu und Hitchcock versteht es Kore-Eda hochgradig einzigartige visuelle Erlebnisse zu erschaffen. The Los Angeles Times |
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