Kurdische Lebenswelten
Verloren im Irak
Iran 2002, 97 min, 35mm, OmU
Regie: Bahman Ghobadi
Jeder im Dreiländereck von Türkei, Iran und Irak kennt den Sänger Mirza. Der hat gerade ein ziemliches Problem: Hanareh, einst liebste seiner Frauen, hat ihn vor 23 Jahren verlassen und wurde von Mirza – der Ehrenrettung halber – nachträglich verstoßen. Nun steckt sie in Schwierigkeiten, jenseits der Grenze vom Iran zu Irak. Mirza will sie suchen, helfen – aus nicht erloschener Liebe. Das kann er seinen Söhnen (und Begleitmusikern) Barat und Audeh gegenüber schlecht zugeben. Folglich verstehen sie den väterlichen Wunsch auch nicht so recht, ihn zu begleiten. Doch Vater ist Vater. Es beginnt eine Odyssee durchs wilde Kurdistan. Die drei begegnen Räubern, Polizisten, Heiratswilligen, Heimatlosen und allerlei Sonderlingen. Werden ausgeraubt, in die Irre und in Versuchungen geführt, streiten und trennen sich, halten zusammen und sich gegenseitig für durchgeknallt.
Erst abgedrehter und herrlicher Humor …
Verloren im Irak ist ein Film des Iraners Bahman Ghobadi. Wer seine vielfach ausgezeichnete „Zeit der trunkenen Pferde“ sah, dürfte sich die Augen reiben: Zwar geht es wieder um das Schicksal der Kurden im Nordirak. Doch verarbeitet Ghobadi diese Geschichte mit einem derart abgedrehten und herrlichen Humor, dass man sofort an Emir Kustoriza (Underground, Schwarze Katze, weißer Kater) denken muss. Denn wie dieser erweist sich Ghobadi mit seinem jüngsten Film als schrittsicherer Wandler auf dem heiklen Pfad zwischen Komödie und Tragödie. Darauf zeigt er nun ein – nicht nur im Kino – gänzlich ungewöhnliches Bild der Kurden, befreit sie aus der ewigen Nur-Opferrolle, zieht den tränennassen Betroffenheitsschleier beiseite und ermöglicht so den Blick auf – die Menschen. Menschen, die trotz allem einen deftigen, handgreiflichen Humor haben, ohne den sie ihr Los wohl kaum ertrügen. Menschen, die für Musik, Liebe und Kinder alles stehen und liegen lassen.
… dann Zerstörung, Tod und wieder Hoffnung
Aber Ghobadis Humor ist auch „Falle“: Mit ihm fängt er seine Zuschauer ein, lässt sie nicht mehr los und zerrt sie hinter seinen Hauptfiguren her in die Tragödie. Die spielt sich ab in der kargen Bergwelt des Nordirak, wo Saddam Husseins Luftwaffe die Kurden aus der Welt bomben will. Anfangs ist der Terror (dem 600 000 Menschen zum Opfer fielen) nur über den Lärm der Jets erahnbar. Doch bald schon dringen die „Helden“ in Gebiete vor, in denen sie fast nur noch Zerstörung und Tod finden. Schließlich aber findet jeder von ihnen doch noch ein eigenes kleines Stückchen Hoffnung im Elend. Das Leben, es geht weiter. Irgendwie.
Es dauert, bis man sich an Ghobadis raue Filmsprache gewöhnt hat und erkennt, dass in Verloren im Irak alles steckt, was „kleines“ Kino ganz groß macht.
Oliver Reinhard
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