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Mediterrane Horizonte

Puppen aus Ton

Tunesien 2002, 90 min, OmU
Regie: Nouri Bouzid

Ein etwa 40-jähriger Tunesier verdient sich seinen Unterhalt, indem er Kinder aus seinem armen Heimatdorf als Haushaltshilfen für neureiche Hauptstädter vermittelt. Einst selbst auf diese Weise in die Großstadt gekommen, weiß er um die Abgründe der harmlos erscheinenden Tätigkeit

Mit seinem klapprigen Motor-Dreirad fährt der etwa 40-jährige Omrane regelmäßig von Tunis in den Süden des Landes. Wenn das Gefährt in sein Heimatdorf einrollt, wird es von den Kindern als sensationelles Lebenszeichen der Moderne umringt. Omrane verdient sich seinen Unterhalt als Profiteur des Wohlstandsgefälles: Er vermittelt Kinder aus den bettelarmen Gegenden nach Tunis, wo sie sich als Haushaltshilfen bei neureichen Familien verdingen. Als Kurier bringt er das erarbeitete Geld zu den Eltern aufs Land und transportiert auf dem Rückweg neue Kandidaten in die Großstadt. Mit zwei Mädchen auf der Ladefläche und dem dringenden Auftrag, nach einer verschwundenen jungen Frau zu suchen, macht er sich diesmal auf den Weg. Als sein Gefährt ins Weichbild der boomenden Metropole einrollt, wirkt es wie hoffnungslos veralteter Schrott auf Rädern, was es tatsächlich auch ist. Omrane tritt in seiner verarmten Heimat als König auf, steht in der Hierarchie der Großstadt aber nur knapp über den Bettlern – ein gebrochener Mann, der einen Großteil seines Verdienstes in billigen Spelunken vertrinkt und von immer wieder aufbrechenden Traumata gepeinigt wird. Einst selbst als Haushaltshilfe in die Großstadt verschachert, weiß er aus persönlichen Erfahrungen um die Abgründe dieser harmlos erscheinenden Tätigkeit: neben skrupelloser Ausbeutung der Kinder geht die Nötigung der Schutzlosen allzu oft bis hin zu sexuellen Übergriffen. Die im Chaos von Tunis verschwundene Rebeh – jenes Mädchen, das er im Auftrag von dessen Mutter ausfindig machen soll – ist aus ähnlichen Gründen geflohen. Als er sie ausfindig macht und provisorisch bei sich unterbringt, offenbart sich ihre Schwangerschaft. Erschwerend hinzu kommt, dass die erst neunjährige Feddha ihren Arbeitgebern davon läuft und ebenfalls bei Omrane Zuflucht sucht. Plötzlich sieht sich der mit allen Wassern gewaschene Mann mit einer jungen Frau und einem Mädchen konfrontiert, die durch ihre Notlage seine Positionierung herausfordern.

Nouri Bouzid ist einer der bekanntesten Filmautoren Tunesiens. Spätestens seit seinem Film "Bezness" (1992), in dem er das Thema der Prostitution behandelt, ist der 59-Jährige, der wegen seines Engagements für den Sozialismus zwischen 1973 und 1979 inhaftiert war, auch bei uns als engagierter Filmemacher bekannt. "Puppen aus Ton" (Arais al-Tein), sein siebter Film, ist sehr schön und wurde mit vielen Preisen, unter anderem auf dem Internationalen Filmfestival in Innsbruck, ausgezeichnet.

Nouri Bouzids berührendes Porträt vom Leben dreier Verlorener überzeugt dramaturgisch und emotional. Die Authentizität der Charaktere, der souveräne Umgang mit Licht und Farbe, die einfühlsame Regie und vor allem das großartige Spiel der drei Hauptdarsteller zeichnen ein universelles Bild vom Großstadt-Alltag im Maghreb. Jury Festival Innsbruck


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