Fokus Lateinamerika
Möbius
Argentinien 1996, 88 min, OmU
Regie: Gustavo Mosquera
Die Filmhochschule von Buenos Aires überraschte bei den Berliner Filmfestspielen und auf vielen weiteren Festivals durch eine aufsehenerregende Produktion: Moebius ist ein abendfüllender Spielfilm, der im Kollektiv von 45 Studenten unter der Leitung ihres Dozenten Gustavo Mosquera entstand. Ein Kamerastudent erzählt, daß gerade die fehlenden Gelder halfen, den eigenen Stil zu finden: „Wir hatten große produktionstechnische Probleme. So lernten wir, diese Zwänge als Stilmittel einzusetzen.“ Der Film zeigt das Tunnelnetz der „Subte“ von Buenos Aires als unüberschaubares, abgründiges Labyrinth, in dem eines Tages ein vollbesetzter U-Bahn-Zug spurlos verschwindet. Ein Topologe namens Daniel Pratt (eine Hommage an den italienischen Comic-Autoren Hugo Pratt) wird mit der Suche beauftragt. Bei seinen Nachforschungen stößt er auf die Aufzeichnungen des ebenfalls verschwundenen Konstrukteurs Hugo Mistein. Die neue Linie, auf welcher der Zug verschwand, ist eine Moebius-Schleife, jenes nach dem Leipziger Mathematiker benannte Band, das in eine andere Dimension von Raum und Zeit führt. In dem Film kommen die nationalen Mythen wie Tango und Borges ebenso vor wie die Ikonen der neuen Generation. Er könnte auch auf eine Comic-Geschichte um einen verschwundenen U-Bahn-Waggon von Ricardo Barreiro und Eduardo Risso zurückgehen
Moebius ist nicht nur ein wahres Experimentierfeld für Filmstudenten, er ist mehr noch ein kollektives Statement zur politischen und sozialen Situation Argentiniens. In dem eine klaustrophobische Stimmung vermittelnden Filmexperiment sind die „desaparecidos“, die Verschwundenen der Militärdiktatur, als latentes Motiv stets präsent, ohne daß sie direkt genannt werden. In den Gängen der U-Bahn hängen Plakate mit ihren Fotos. Am Ende sagt der Bürgermeister von Buenos Aires lakonisch: „Meine Herren, hier ist nichts vorgefallen.“
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