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Fokus Lateinamerika / Cine Rosa

Madame Sata

Brasilien 2002, 105 min
Regie:Karim Ainouz

Schillerndes Kino jenseits von Europa oder Hollywood wird seit längerem gerne in Asien verortet; doch auch in Lateinamerika, einem Filmkontinent mit beeindruckender Tradition, scheint eine junge Filmszene fern des „Latino-Kinos“ aufzublühen. Nach Erfolgen wie City of God findet nun das brasilianische Spielfilmdebüt von Karim Aínouz, der sich bereits als Co-Autor von Walter Salles’ Hinter der Sonne einen Namen gemacht hat, den Weg in die Kinos. Der Film erzählt mit einem erstaunlichen Sinn für Rhythmus die Lebensgeschichte eines legendären Transvestiten und Kabaretttänzers im Rio der 1930er-Jahre. Der 1900 als eines von zwölf Kindern einer Ex-Sklavin geborene Fransisco dos Santos wurde mit sieben Jahren von der Mutter verkauft und schlug sich bereits als Zwölfjähriger allein auf der Straße durch. Aínouz gibt nicht vor, eine akribische Biografie dieser historischen Figur nachzuzeichnen, auch wenn er über die Umstände seines Lebens ausführlich recherchierte. Stattdessen entwirft er das schwelgerische, heißblütige Porträt eines paradigmatischen Outcasts: schwarz, homosexuell und kriminell. Ohne die Bürde dieser drei Stigmata auszublenden, erschafft der Film die romantische Vision einer großstädtischen Halbwelt mit starken Bezügen zu Jean Genets Pariser Stricherund Kriminellenmilieu. Der echte Francisco war ein kleiner, muskulöser Mann und Meister des Capöira, einer Art Martial Arts, der von Sklaven aus Afrika importiert wurde. Nachdem er in den frühen 1930er-Jahren auf Kabarettbühnen debütierte, avancierte er zeitweise zu einem Nightclub-Star. Bevor er 1976 starb, verbrachte er wegen Diebstahl und Mord 27 Jahre im Gefängnis.

Diese ungewöhnliche Lebensgeschichte erzählt der Film rückblickend als eine Serie von Impressionen aus der exzessiven Innenwelt der Hauptfigur. Man lebt aus dem Vollen in Rios Rotlichtviertel Lapa, Gewalt und Betrug sind unter Prostituierten, Obdachlosen und Dieben an der Tagesordnung. Der Analphabet Francisco macht da keine Ausnahme. Ausgestattet mit einer wilden Fantasie, verdingt er sich als gefürchteter Straßenschläger und prostituiert sich. Dann kommt jener Augenblick, der den Grundakkord des Films vorgibt: Nach einer durchzechten Nacht bleibt Francisco vor dem Spiegel stehen und betrachtet sich. Er schwingt seine Hüften, beginnt zu singen und verwandelt sich in Madame Sata, seine Antwort auf sein Idol Josephine Baker. Nur ein kurzer Moment der Selbstvergessenheit, der die Geschichte einer Selbstbehauptung ankündigt. Von nun an versprühen Franciscos fieberhafte und hoch theatralische Darbietungen die Aura dionysischer Feiern des Körpers. Seine Lieder kreisen um laszive Frauenfiguren wie Scheherezade, die Namen der von ihm auf der Bühne dargestellten Figuren sind so schwülstig wie Jamacy, Königin des Waldes. So schräg wie seine Performances ist auch Franciscos Familie: eine junge, selbstbewusste Prostituierte samt kleiner Tochter und ein Transsexueller, der dem Paar hingebungsvoll dient. Zu Hause nimmt Francisco die Haltung eines machohaften Sklaventreibers an, und auch gegenüber seinen Liebhabern zeigt er sich in Sachen Sex nicht gerade zimperlich. Wie er ohnehin keine Abweisung ertragen kann und lieber eine Schlägerei anzettelt, wenn er vor einem Nachtclub wegen seiner Hautfarbe und femininen Aufmachung abgewiesen wird.

Überwiegend mit Handkamera gedreht, überzeugt der Film durch die anschmiegsame Nähe zu seiner Hauptfigur und den aufmerksamen Blick auf deren Zerrissenheit. Eindrucksvoll wird der Kontrast der Tagund Nachtwelt Franciscos geschildert. Den Tag verbringt er, in Gedanken versunken, in Parks und am Strand, die Nacht eröffnet ihm eine ekstatische, sinnliche Welt. Kein Wunder, dass der Nachtclub höllische Konnotationen erhält. Er ist der Raum, in dem Francisco die gesellschaftlich verordnete Geschlechterrolle abstreift. Der grandiose Theaterschauspieler Lazaro Ramos stattet seine ambivalente Figur mit einer gehörigen Dosis Verzweiflung aus, stets an der Grenze zwischen Zärtlichkeit und cholerischer Rebellion. Die kontrastreiche, opulente Lichtregie taucht die verwinkelten Straßen von Lapa in ein bedrohliches Schattenreich; dennoch ist „Madame Sata“ keine exotische Reise durch die Slums von Rio. Ebenso wenig taugt der Film – trotz seiner expliziten Sexszenen – als Nischenfilm für ein schwules Publikum. Fransisco ist nicht nur durch seine Sexualität marginalisiert, sondern vor allem durch seine Hautfarbe und Armut, aus denen es höchstens das Entkommen in eine Fantasiewelt gibt. So ist er ein Überlebender sozialer Ausgrenzung und zugleich der Held einer Wunschfantasie. Denn nicht zuletzt ist Madame Sata eine Aschenputtel-Geschichte mit umgekehrten Vorzeichen, eine Hommage an die Lust zu leben und zu lieben.

Ein großes, ein heißblütiges Portrait! Ramos´ Darstellung brennt sich noch lange in das Gedächtnis des Zuschauers ein! New York Times

Ausgezeichnet als Bester Film in Chicago, Havanna und Sao Paulo, Beste Regie in Biarritz, Un certain regard in Cannes


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